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Hitzerekord, vollgestopfte Jeeps und 2 Naechte im Zug PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Doris Burk   
Sunday, 8. April 2007

Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Von Jaisalmer radelten wir ruhige und einsame Strassen, teilweise durch wuestenaehnliche Gebiete mit Dornbuschvegetation. An einem Tag war es besonders heiss und als wir uns im Schatten ausruhten, massen wir mit dem Globetrotter Thermometer von Tbeu 42 Grad, in der Sonne schnellte das Thermometer sofort zum Anschlag, weit ueber 50 Grad. Wegen des Fahrtwindes ging das Radeln bei diesen Temperaturen erstaunlich gut. Wann immer es ging, machte ich meinen Kopf nass und so kamen wir auch an den heissen Tagen gut voran.

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Wir wollten zum Mt. Abu und in unserer Karte gab es eine kleinere und eine groessere Strasse. Wir waehlten die kleinere, da es auch der deutlich kuerzere Weg war. Aber wie hiess es da nicht gleich: Der Abstecher kann im Gebirge zum Umweg werden. 11.00 Uhr erreichten wir bei grosser Hitze den Bergfuss. Nun stellte sich heraus, dass diese kleine Strasse ein Wanderweg mit Stufen von 7 km (steil bergauf) war - unmoeglich mit den Raedern. Auch wenn wir kurzzeitig ueberlegten, ob wir Raeder und Gepaeck hochschleppen wollten, entschieden wir uns dann doch fuer die einzigste Strasse, den 80 km Umweg. Und da es bereits so warm war und wir diese Strecke mit Aufstieg nach Mt. Abu nicht mehr in Angriff nehmen wollten, versuchten wir es mit den oeffentlichen Verkehrsmitteln - hier sind Jeeps dafuer im Einsatz. Zweimal mussten wir umsteigen. Das bedeutete Gepaeck von den Raedern, Raeder auf das Dach, Gepaeck wieder teilweise an die Raeder dran, damit nichts herunterfiel und ab ging es die ersten 10 km. Wir haetten es kaum fuer moeglich gehalten, dass man auch zu viert vorn sitzen kann. Ein Mann sass zwischen dem Fahrer und Schalthebel. Nun wieder Jeepwechsel - Gepaeckverladung und rein in den fast leeren Jeep. Aber bald kamen mehr und mehr Leute hinzu und schwup die wup sassen wir zu fuenft vorn - ein Ding der Unmoeglichkeit - in Indien nicht. Der Fahrer sass rechts zur Haelfte heraus und links sass Stefan zur Haelfte heraus.

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So spannend und interessant die Fahrt auch war, nach 25 km waren wir ziemlich ko und tranken erst mal eine kuehle Cola. Danach fuhren wir die letzten Serpentinen zum Berg. Die Landschaft war toll, mit vielen rot bluehenden Baeumen und in Mt. Abu vielen Palmen. Hier liessen wir ein wenig die Seele baumeln, strampelten mit einem Trettboot ueber einen See, assen Pizza und buchten unsere Zugfahrt von Abu Road nach Ahemdabad und von dort nach Varanasi. Bis Abu Road rollten wir die 30 km bergab, durch eine schoene Landschaft, vorbei an Affen, Wuergefeigen und Bauemen (Jacaranda mimosifolia), die wie Glockenblumen bluehten.

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Wir kamen schnell voran und noch dazu ohne Anstrengung. Auf dem Bahnhof meldeten wir die Fahrraeder am Gepaeckschalter an, bekamen Schilder und malten unsere Adressen drauf. Der Fahrradtransport war ohne Garantie, dass bedeutete fuer uns besonders aufpassen beim Einladen und Umsteigen.

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Ahemdabad erreichten wir Abends. Wir hatten noch etwas Zeit und warteten auf dem Bahnsteig - zu sehen gab es genug. Wir beobachteten wie 3 Kuehe von den Gleisen verjagt wurden, als der Zug einfuhr oder wie sich nach einer Durchsage ganz schnell und geordnet eine Menschenkette bildete (keine Soldaten, sondern Familien mit vielen Kleinkindern). Wir sahen ein kleines Maedchen auf dem Bahnsteig ihr Geschaeft verrichten (ist in Indien auch an Strassenraendern und auf der Mitte eines Feldes weit verbreitet und nicht nur bei Kindern) und einen Rikschafahrer mit Eisbloecken fuer kaltes Wasser. Dann stiegen wir in den dunklen heissen Zug und 30 min spaeter starteten wir mit Licht und Belueftung. Bald stiegen wir in unsere Betten. Die beiden Bridgen ganz oben gehoerten uns und waren voellig verdreckt und so reinigten wir sie erst mal. Die erste Nacht schliefen wir erstaunlich gut und nun begann der interessante Teil der Zugfahrt. Zum Lesen kam ich kaum, denn es gab viel zu viel zu sehen. Wir sahen Frauen auf den Feldern arbeiten, wie Maenner sich einseiften und wuschen, Frauen Wasserkruege oder Schuesseln voller Ernte auf ihren Koepfen jonglierten. Wir sahen mehr dutzende Kakerlaken im Zugabteil umherflitzen, den Gang rauf und runter, an den Fenstergittern vorbei auf die Hose eines Passanten und frisch und munter krabbelte sie weiter ueber sein Hemd. Ein Maeuschen huschte durch unser Gepaeck, aber all das stoerte niemanden. Und das die sogenannte Kuechenschabe nachtaktiv und lichtscheu ist, wusste sie hier scheinbar auch nicht. Denn beim schoensten Sonnenschein rannte sie aktiv durch die Gegend. Nicht nur sie waren aktiv, auch die Verkaeufer, die staendig den Gang hoch und runter flitzten und versuchten Teigtaschen, Obst, Popcorn, Snacks, getrocknete Datteln, Betelnuesse (in modernen Alutuetchen), Tee oder gekuehlte Getraenke an den Mann zu bringen. Auch wenn die Fahrt ueber 2 Naechte und einem Tag ging, wurde uns nicht langweilig. Wir sassen im Sleeperabteil ohne Aircondition. Fenster vor den Scheiben gab es nur zum Herunterziehen, aber diese waren ueberfluessig, denn der Fahrtwind machte die Hitze so etwas ertraeglich.

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Und trotz zuegiger Geschwindigkeit standen die Tueren offen. Immer wieder kamen Bettler vorbei, Blinde mit Stock und Buechse, Kinder krochen ueber den dreckigen Fussboden um Mitleid hervorzurufen und Kranke schoben die Kruecke vornweg und zogen sich hinterher, manche ohne Haende. Mehr oder weniger zogen sie ihre Runde durch den Zug, hin und her. Wenn der Zug hielt, sprangen Maenner mit leeren Wasserflaschen zum Wasserhahn, um diese zu fuellen. Laengst war der Abpfiff zur Weiterfahrt ertoent, doch noch immer traengelten sich einige am Wasserhahn herum. Der Zug fuhr langsam los, als die Letzten begannen ihre Flaschen zu fuellen, dann wurde im Dauerlauf dem Zug hinterhergerannt und locker aufgesprungen, als haette man im Leben nichts anderes getan.

Wir fuhren durch die Weite Indiens. Unsere Fahrraeder fuhren mit uns "verpackt" im Gepaeckabteil. Aus den Fenstern sahen wir hinaus auf Felder, fertig zur Ernte, auf Felder fertig zur Aussaat und immer wieder standen zwischen ihnen die tollen rotbluehenden Baueme. Ziegenherden zogen ueber die abgeernteten Felder und Wasserbueffel tuemmelten sich im Schlamm oder trabten ueber die Aecker. Egal was von den Passanten gegessen oder getrunken wurde, der Abfall fiel aus dem Fenster, Muelleimer gab es keine. Auch wir lernten Bananenschalen oder Orangenschalen aus dem Fenster zu werfen, kamen doch immer wieder Ziegen oder Kuehe vorbei und frassen alles auf. Aber auch Plastikflaschen flogen heraus und Kekspapier wirbelte an unserem Fenster vorbei. Muellsammler freuen sich und wandern tagtaeglich weite Strecken, um ihre riesigen Saecke mit Plastikflaschen, Silberpapier oder anderem Verwertbaren zu fuellen. Voller Eindruecke erreichten wir nach fast 40 Stunden Zugfahrt und wohl 4 Stunden Verspaetung (aber Zeit spielt ja in Indien keine Rolle) - Varanasi, seit 2500 Jahren bedeutende Pilgerstadt am Ganges.

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Im Fotoalbum gibt es wieder neue Bilder - viel Spass beim Anschauen!

Kommentar von Usha Devi:  Die Beschreibung ist wunderbar, Doris. Wir sagen von Indien 'Bharat esa hi hai' ...meint: Indien ist einmal so.

Namaste von Pune
Monika
[getroffen in Hotel Buddha, Varanasi]

Kommentar von Thomas: Fahrt ihr eigentlich gar nicht mehr behelmt?
Antwort Moe: Da sind wir uneins, ich fahre noch mit Helm, Doris nicht mehr. 

Letzte Aktualisierung ( Tuesday, 3. July 2007 )
 
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